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In der Milchproduktion werden Kälber innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, damit möglichst viel Milch für den Menschen verwendet werden kann. Gleichzeitig wird ein Teil dieser Milch entsorgt. Wie der K-Tipp berichtete, landeten allein über die Festtage 300 Tonnen Magermilch in Biogasanlagen, weitere Milchprodukte wurden sogar verbrannt. Gleichzeitig wird überschüssige Milch als Butter, Rahm oder Billigkäse zu Tiefstpreisen auf dem Weltmarkt abgesetzt. Julia Fischer, Kampagnenverantwortliche Nutztiere bei VIER PFOTEN Schweiz, sagt: „Milch entsorgen, während Kälber ihre Muttermilch – und ihre Mutter – verlieren, ist ein unhaltbarer Widerspruch. Kuhmilch ist Muttermilch. Und sie gehört in erster Linie dem Kalb.“
Hochleistung und Fehlanreize auf Kosten von Tieren, Umwelt und Steuerzahlenden
Der Milchüberschuss ist hausgemacht. Hochleistungskühe, Kraftfutter und die garantierte Abnahme aller produzierten Milch setzen Fehlanreize zur Überproduktion. Die Folgen: Zu viel Stickstoff belastet Böden und Gewässer, Tiere leiden unter dem Leistungsdruck und der Trennung von Mutter und Kalb, jährlich fließen Subventionen im dreistelligen Millionenbereich allein in den Käseexport. Gleichzeitig geraten viele Milchbetriebe wirtschaftlich unter Druck. Stark sinkende Richtpreise verschärfen ihre Lage zusätzlich.
Weniger Menge, mehr Qualität: MuKa als gesunder Schritt für Markt, Tiere und Betriebe
Die muttergebundene Kälberaufzucht setzt dort an, wo das System aus dem Gleichgewicht geraten ist. Kälber trinken bei ihren Müttern, womit ein Teil der Milch sinnvoll und natürlich genutzt statt vermarktet wird. Gleichzeitig zeigen Forschung und Praxis, dass Kälber, die mehrere Monate bei ihrer Mutter verbleiben, deutlich gesünder sind und weniger Antibiotika benötigen. Eine entsprechende Motion zur Förderung von MuKa wurde von Nationalrätin Meret Schneider (Grüne, ZH) eingereicht. Cornelia Buchli, Tierärztin und Leiterin der Fachstelle MuKa, erklärt: „MuKa ist keine romantische Illusion, sondern ein realistischer Ansatz für einen gesünderen Milchmarkt: weniger Menge, dafür höhere Qualität, besseres Tierwohl und mehr Stabilität für die Betriebe.“
Fehlanreize abbauen, Tierwohl fördern
Die Politik muss Fehlanreize korrigieren und Subventionen gezielt auf tierfreundliche, marktentlastende Produktionssysteme ausrichten. Dazu gehören die gezielte Förderung der muttergebundenen Kälberaufzucht, der Abbau von rechtlichen und praktischen Barrieren und die Verbesserung des Marktzugangs für die entsprechenden Betriebe. Ein zentraler Punkt ist der Schutz des Begriffs „muttergebundene Kälberaufzucht“. Aktuell fehlt eine rechtliche Definition, weshalb der Begriff mitunter auch für Produktionsformen verwendet wird, bei denen Kälber nur sehr kurz oder mit stark eingeschränktem Kontakt zur Mutter gehalten werden, wie ein Gutachten von der Stiftung für das Tier im Recht (TIR) in Zusammenarbeit mit dem Verein Cowpassion, der Fachstelle MuKa und VIER PFOTEN aufzeigt. Sibel Konyo, rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung für das Tier im Recht (TIR), sagt: „Wer echte Tierwohlleistungen erbringt, muss sich darauf verlassen können, dass diese ehrlich ausgewiesen werden können. Ohne verbindliche Mindestkriterien wird der Begriff MuKa verwässert. Dies geht zulasten der Tiere, der Produzenten und der Glaubwürdigkeit des gesamten Systems.“
MuKa als Chance in der aktuellen Krise
Gerade jetzt, wo Milch entsorgt wird und Produzierende unter massivem Preisdruck stehen, sollten Landwirtschaft, Politik und Branche die muttergebundene Kälberaufzucht als Lösungsansatz ernsthaft prüfen. MuKa ist gut für die Kälber, entlastet den Milchmarkt und bietet Betrieben eine nachhaltigere Perspektive. Politik, Branche und Detailhandel sind gefordert, tierfreundliche Produktionsformen zu fördern, klare Rahmenbedingungen zu schaffen und Konsumierenden durch transparente Kennzeichnung echte Wahlfreiheit zu ermöglichen.
Hintergrund: Was bedeutet MuKa?
Muttergebundene Kälberaufzucht (MuKa) ist eine Haltungsform in der Milchproduktion, bei der Kälber mehrere Monate bei ihrer Mutter bleiben und direkt am Euter trinken. Die Kuh wird weiterhin gemolken, ein Teil der Milch steht jedoch dem Kalb zur Verfügung. Dies ermöglicht eine natürliche Mutter-Kind-Beziehung, stärkt die Tiergesundheit und reduziert den Antibiotikabedarf. Gleichzeitig wird weniger Milch verkauft – ein Effekt, der bei fairer Preisgestaltung sowohl dem Milchmarkt als auch den Betrieben zugutekommt.
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Quelle: VIER PFOTEN - Stiftung für Tierschutz, Pressemitteilung
Originalartikel publiziert auf: Milchüberschuss in der Schweiz: MuKa als Ausweg